SekulareReliquien
Sekulare Reliquien Spurensuche am Kamp
intro
Für das aktuelle Projekt »Säkulare Reliquien: Eine Spurensuche entlang des Kamp« hat Herwig Turk im Laufe des Jahres 2025 gemeinsam mit Johannes Hoffmann mehrere archäologische Begehungen des Kamp zwischen Steinegg und Zöbing unternommen. Im Mittelpunkt des Interesses stand das Schwemmgut, das sich im Zuge der Überschwemmungen des Jahres 2024 gebildet hat und das sowohl die Inspiration als auch das Ausgangsmaterial für die in der Folge entstandenen künstlerischen Arbeiten bildet.
Das Schwemmgut »erzählt« eine Geschichte sowohl der vom Hochwasser verbrachten wertvollen biologischen Stoffe als auch der Abfälle und Schadstoffe, die es erfasst und verteilt hat. Im Schwemmgut manifestieren sich damit langfristig Rückstände aktueller Kulturtechniken, die auf Paradigmen wir Wachstum, Konsum, Wohlstand, Überfluss und Verbrauch verweisen.
In diesem Sinn stellen diese Rückstände »säkulare Reliquien« dar. Sie erzählen davon, womit wir uns umgeben, was wir handhaben und verbrauchen, was sich in unseren Haushalten und Kellern befindet oder wir in Werkstätten und Produktionshallen verwenden und anschließend entsorgen. Denn die wörtliche Bedeutung des lateinischen »reliquiae« bedeutet »übrig geblieben«, »zurückgelassen«, im übertragenen Sinn auch »Hinterlassenschaft« – das, was wir hinterlassen.
text
Säkulare Reliquien
Eine Spurensuche entlang des Kamp
Seit 2017 beschäftigt sich Herwig Turk in unterschiedlichen Kooperationen mit Künstler:innen und Expert:innen mit Flussökosystemen: dem Tagliamento, der Etsch/Adige, der Talfer/Talvera, der Eisack/Isarco, der Donau, dem Kamp, der Mürz und der Isel. Ausstellungen in Wien, Linz, Bozen und Gemona präsentierten unterschiedliche Aspekte der jeweiligen »Stoffwechsel« der Flüsse bzw. vor allem der Störungen des Austausch zwischen Fluss und Umland. Bereits 2023 haben Herwig Turk und Gebhard Sengmüller unter dem Titel »Donau: Schichtwechsel im Lückenraum« ihre künstlerisch-wissenschaftlichen Untersuchungen zur Donau im Bereich zwischen dem Alberner Hafen und dem Ölhafen Lobau in der Galerie rauminhalt_harald bichler präsentiert.
Im Mittelpunkt der künstlerischen Forschung von Herwig Turk stehen die jeweils unterschiedlichen, jedoch immer zahlreichen und antagonistischen Überlagerungen und Überschneidungen von Politik, Wahrnehmung, Gedächtnis und Geschichte im Verhältnis zur Repräsentation dieser speziellen Ökosysteme. Turk beschäftigt sich vor diesem Hintergrund mit grundlegenden Fragen der alternativen Wahrnehmbarkeit und Lesbarkeit von Landschaft und der Akteur:innen, die an ihrer »Herstellung« beteiligt sind, um notwendige Utopien ihrer zukünftigen Gestaltung anzustoßen.
Für das aktuelle Projekt »Säkulare Reliquien: Eine Spurensuche entlang des Kamp« hat Herwig Turk im Laufe des Jahres 2025 gemeinsam mit Johannes Hoffmann mehrere archäologische Begehungen des Kamp zwischen Steinegg und Zöbing unternommen. Im Mittelpunkt des Interesses stand das Schwemmgut, das sich im Zuge der Überschwemmungen des Jahres 2024 gebildet hat und das sowohl die Inspiration als auch das Ausgangsmaterial für die in der Folge entstandenen künstlerischen Arbeiten bildet. Das Schwemmgut »erzählt« eine Geschichte sowohl der vom Hochwasser verbrachten wertvollen biologischen Stoffe als auch der Abfälle und Schadstoffe, die es erfasst und verteilt hat. Im Schwemmgut manifestieren sich damit langfristig Rückstände aktueller Kulturtechniken, die auf Paradigmen wir Wachstum, Konsum, Wohlstand, Überfluss und Verbrauch verweisen. In diesem Sinn stellen diese Rückstände »säkulare Reliquien« dar. Sie erzählen davon, womit wir uns umgeben, was wir handhaben und verbrauchen, was sich in unseren Haushalten und Kellern befindet oder wir in Werkstätten und Produktionshallen verwenden und anschließend entsorgen. Denn die wörtliche Bedeutung des lateinischen »reliquiae« bedeutet »übrig geblieben«, »zurückgelassen«, im übertragenen Sinn auch »Hinterlassenschaft« – das, was wir hinterlassen.
Im Rückgriff auf religiöse Repräsentationsformen, aber auch auf Wunderkammern, Naturkundemuseen bis hin zu Strategien von Konzeptkunst und Nouveau Réalisme entstanden aufwändig gestaltete, zum Teil mit optischen Linsen versehene Glasbehälter, aus Seekiefer oder Nussholz gedrechselte Sockel und Kirschholz-Aufhängungen, um großteils banale Objekte zu präsentieren, die ihren ursprünglichen »Ausstellungsraum« zu Hause, vielleicht im Kühlschrank oder einer Vitrine oder in der Garage oder Werkstatt hatten.
Die religiöse Konnotation des Begriffs »Reliquie« geht auf eine überraschende Analogie zwischen dem Religiösen und dem Kapitalismus zurück: alles, was sie berühren, verändern sie in etwas anderes. Aus Sünder:innen werden durch den Glauben Gerettete, aus natürlichen Ökologien und Biodiversität wird eine unendliche Ressource, die durch unterschiedlichste Formen der Berührung und Umformung in etwa anderes verwandelt wird: Rohstoffe, Konsumgüter, Infrastrukturen, Geld, Aktien, d. h. Reichtum. In beiden Fällen könnte man von einer langen Kette von Wundern sprechen, die sowohl Menschen als auch den Verlauf der Geschichte verändert haben. Und beide – sowohl der Glaube an das Heilige als auch der Glaube an Fortschritt und Konsum – produzieren ihre Geschichte nicht ohne Hinterlassenschaften.
Doch das, was als Hinterlassenschaft zurückbleibt wird entweder ausgestellt und verehrt oder weggeworfen, vergraben und entsorgt. Diese unterschiedlichen Strategien verweisen auf unterschiedliche Repräsentationspolitiken: im einen Fall eröffnet uns die inszenierte Präsenz der Reliquie eine Art Partizipation an spiritueller Ewigkeit und Erlösung, im anderen Fall rückt ihre – unerwünschte – Präsenz die Kehrseite unserer Aneignung und des fortschreitenden Verbrauchs unserer Welt – das »Zeitalter der Verbrennung der Welt«, wie es Achille Mbembe nennt – in den Mittelpunkt.
Welche Farbe erzeugt der Sauerstoffmangel eines Gewässers? In einer zweiten Serie von kleinformatigen Fotografien in speziellen Rahmen, die ursprünglich zur Filmentwicklung dienten, zeigt Herwig Turk Ausschnitte verschiedener Wasseroberflächen. Wahrnehmung wie dokumentarische Strategien geraten hier an ihre Grenze und in Konflikt mit stereotypen Vorstellungen über die Schönheit und Unberührtheit von Natur. Denn die Farbe der Oberfläche hängt von der Temperatur des Wassers, seiner Fließgeschwindigkeit, den Schwebestoffen, die es mit sich führt, seinem Nitrat- und Sauerstoffgehalt und auch von den jeweils aktuellen Wetterverhältnissen und Sonnenständen ab. Vielleicht sind also auch die Fließgewässer unterhalb dieser zum Teil verführerisch schimmernden Wasseroberflächen und die Wasserstrudel, die sich um die Steine und Pflanzen kräuseln, von erheblichen Störungen geprägt und enthalten zahlreiche »säkulare Reliquien«, wie etwa Mikroplastikteilchen? Wir können sie bloß mit freiem Auge nicht sehen, weshalb sie nicht Teil unserer Wahrnehmung von Landschaft sind.
Mit seiner künstlerischen Forschung verstrickt uns Herwig Turk in zahlreiche Felder gegenwärtiger Analysen von Landschaften und den von diesen Landschaften gebildeten Netzwerken, auf denen sie gleichzeitig beruhen. Eine Erkenntnis aus dieser Forschung bildet sicherlich die Überzeugung, dass wir nicht länger so tun können, als ließen sich unsere gegenwärtigen Gesellschaften abgekoppelt von ihrem ausbeuterischen und extraktivistischen Fundament betrachten. Die Spuren dieses Fundaments finden sich heute überall, auch in den Gewässern, von denen die kleinformatigen Fotografien in ihrer scheinbar unschuldigen Farbigkeit zeugen.
Reinhard Braun 2025
















